Wie soziale Medien die Museen verändern

»Neural Style Transfer« bezeichnet eine Technik, die digitale Bilder in einem anderen Stil wiedergibt. So, wie künstlerisch angehauchte Algorithmen unser Abbild stilistisch verändern, arbeiten auch die diversen Filter, die uns in den Sozialen Medien angeboten werden: Dabei reichen die Bearbeitungswerkzeuge vom überzeichneten Photoshop- Ideal bis hin zu farblichen und dreidimensionalen Veränderungen unseres Ausgangsbildes. Ist »Style Transfer« (Boris Neubert, Chengzhi Wu, Max Piochowiak) also lediglich ein algorithmisches Instrument, das wir im Alltag bereits inkludiert haben?

Wie der Werktitel besagt, handelt es sich um eine Transferleistung vom Bild, nicht um die Schaffung von etwas Eigenständigem. Man kann dem Werk also eine gewisse Inhaltsleere vorwerfen: Ohne die gefilmten Besucher*innen verbleibt der Bildschirm in einem eintönigen Wechsel von einem Filter zum nächsten. Gerade diese Simplizität macht das Werk zu einem beliebten Fotomotiv. Was bedeutet das für das heutige Museum?

Immer mehr Ausstellungshäuser locken nicht nur mit freiem Eintritt, sondern auch noch mit Extra-Goodies: Im ZKM Karlsruhe, einem der Top-Museen der Welt, warten kostenlose Kaffeeautomaten, Obst, Wasser und Arbeitsplätze als Belohnung auf die Besucherinnen der Ausstellung. Auf die Spitze getrieben hat es vor allem das Kölner »Supercandy Pop-Up Museum«. Dort gab es nicht nur gratis Süßigkeiten, Eis und eine Beauty-Station, sondern auch das perfekte Licht für Instagram-Fotos und eine Fotodruckstation. Ausstellungsstücke gab es keine. Das gesamte Museum ist darauf ausgelegt, den Besucherinnen die perfekte Leinwand für ihre Fotos zu bieten und wird dadurch eher zum Dienstleister als zur Bildungsinstitution.

Das »International Council of Museums« hat ein Museum wie folgt definiert: »Ein Museum ist eine dauerhafte Einrichtung, die keinen Gewinn erzielen will, öffentlich zugänglich ist und im Dienst der Gesellschaft und deren Entwicklung steht. Sie erwirbt, bewahrt, beforscht, präsentiert und vermittelt das materielle und immaterielle Erbe der Menschheit und deren Umwelt zum Zweck von Studien, der Bildung und des Genusses.«

Museen sind Non-Profit-Organisationen, deren oberstes Ziel die Sammlung von Kulturobjekten und die Vermittlung von Wissen ist. Insofern können Besucherinnenzahlen zwar ein Indikator dafür sein, wie die Ausstellung vom Publikum aufgenommen wird. Die einzelnen Häuser lassen es sich auch nicht nehmen, nach einer erfolgreichen Ausstellung die Besucher*innenzahlen zu veröffentlichen. Dennoch ist es niemals das Ziel, Profit durch Eintrittspreise zu erwirtschaften. Wenn man allerdings Kulturinstitutionen als Wirtschaftsunternehmen behandelt, entsteht eine Werteverschiebung von Profit über den inhaltlichen Wert einer solchen Einrichtung für eine Gesellschaft.

Der Erfolg des »Supercandy Pop-Up Museum« wirft einige Fragen zur zukünftigen Konzeption eines Museums auf: Ist die Bestechung mit Gratisgütern der einzige Weg, den Mainstream der Bevölkerung ins Museum zu locken? Das »Supercandy Pop-Up Museum« hat zwar das Wort Museum im Titel, erfüllt aber keine der oben genannten Forderungen an ein Museum und kann daher auch nicht als solches bezeichnet werden. Es handelt sich eher um ein Alternativmodell, das unter dem Mantel eines Museums den Besucher*innen kulturelle Legitimation bietet.

Dennoch muss man sich fragen, ob traditionelle Ausstellungshäuser vielleicht von einigen Konzeptideen des »Nicht-Museums« profitieren könnten und dadurch mehr Menschen mit ihrer Ausstellung erreichen können. Interaktive Installationen, wie »Style Transfer« werden immer beliebter in Museen: »Traditionelle Museen haben vor einigen Jahren bemerkt, dass Interaktive Ausstellungen besser laufen als ganz normale. Der Besucher muss sich selbst inszenieren können«, urteilt der WDR und räumt damit auch ein, dass die Besucherinnen unbewusst selbst zum Ausstellungsgegenstand werden. Vielleicht sollte man »Style Transfer« also nicht als Filter-Automatismus für das perfekte Foto betrachten, sondern als Interaktion, die die Museumsbesucher*innen selbst als Kunstobjekt ausstellt.

von Daphne Druba

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