Schöpferische Maschinen?

In Zeiten von Instagram, iPhone und einem vielfältigen Angebot unterschiedlicher Filtersysteme im Netz, die für die Nutzerinnen einfach und günstig zu bekommen und anzuwenden sind, zeigt uns »Style Transfer« keine unbekannte Technik. Indem ein Filter auf ein Foto gelegt wird, kann es atmosphärisch und künstlerisch verändert werden. Und so gesehen geschieht hier nichts anderes: Ein Bild, empfangen durch eine Kamera, wird in vielfältige grafische Sprachen übersetzt. Die Künstlerinnen übernehmen die (schon länger) existierende Technik als eine Form der Bildmanipulation, die dem Publikum sehr vertraut ist. Angesichts dieser Simplizität sucht man nach einer tieferen Ebene der Auseinandersetzung, die sich vielleicht in der Gegenüberstellung von Mensch und Maschine in deren hybridem Verhältnis finden lassen. Obwohl das künstliche neuronale Netzwerk eine Technik beschreibt, die in ihren Grundzügen bereits vor mehreren Jahrzehnten erfunden wurde, sind aus ihr eine Reihe an jüngeren Weiterentwicklungen wie »DeepDream« oder
»DeepArt« entstanden. Gleiches gilt auf dem Feld der Musik und der Literatur. »Cyborg Writer« heißt ein Programm, das angefangene Sätze schlüssig und stilsicher weiterführt. Und zwar wahlweise in unterschiedlichen Schreibarten, von Shakespeare über den U.S. Supreme Court bis zu Tupac Shakur.

Im Bereich der Bildmanipulation sind besonders Angebote beliebt, die den Nutzer*innen versprechen, ihre Bilder in künstlerische Werke zu verwandeln. Das Netzwerk wird in diesem Fall darauf trainiert, Bildinformationen zu verstehen. Dabei spielt der Inhalt des ausgewählten Bildes eine weitaus größere Rolle als bei der Betrachtung der einzelnen Bildpunkte. Das Objekt, das der Computer zu erkennen lernt, wird in einen bestimmten Stil übertragen. Ein fotorealistisches Bild wird computergeneriert designt. Grundsätzlich geht es dabei um visuelle Wahrnehmung und darum, einen Computer zum Erkennen von Objekten zu bringen: Was macht einen Menschen, ein Tier, ein bestimmtes Ding aus, und wodurch lassen sie sich identifizieren?

Die Benutzerinnen schaffen auf diese Weise Arbeiten mit Hilfe künstlicher Intelligenzen, und gehen eine Kooperation ein, durch die Kunst aus dem Computer durch den Computer entsteht. Diese Hybridität von Mensch und Maschine lässt kunsttheoretische Fragen aufkommen, unter anderem auch die der Urheberschaft: Wem darf diese zugesprochen werden, den menschlichen Programmiererinnen oder der Software? Und ab wann sprechen wir von Kunst? Bedeutet die neue Anordnung vorgegebener Elemente bereits einen kreativen Schaffensprozess? Die Beantwortung dieser Frage hängt wohl an der Definition, als was oder in Abgrenzung wovon Kunst verstanden wird. Als reine Unterscheidung von der Natur durch einen Bearbeitungsprozess oder weitergehend, als Ausdruck menschlicher Gefühle und Gedanken?

Immanuel Kant, dessen Denken die Digitalisierung und ihre Wirkungsprozesse in vielerlei Hinsicht vorbereitete, definiert das freie Denken des Menschen als abgrenzendes bzw. unterscheidendes Merkmal zur Maschine. Im freien Denken entfaltet der Mensch seine Berufung zum aufgeklärten und verantwortungsbewussten Individuum: »Wenn denn die Natur unter dieser harten Hülle den Keim, für den sie am zärtlichsten sorgt, nämlich den Hang und Beruf zum freien Denken, ausgewickelt hat: so wirkt dieser allmählich zurück auf die Sinnesart des Volks (wodurch dieses der Freiheit zu handeln nach und nach fähiger wird), und endlich auch sogar auf die Grundsätze der Regierung, die es ihr selbst zuträglich findet, den Menschen, der nun mehr als Maschine ist, seiner Würde gemäß zu behandeln.«

Ist die Unterscheidung Mensch/Maschine im Zeitalter der KI noch zutreffend? Der Computer ist längst nicht mehr die reine Logik-und Effizienzmaschine, die es dem Menschen ermöglicht, schwere Rechenoperationen durchzuführen. Nein! Durch die KI werden die ehemals klaren Grenzziehungen zwischen Mensch und Maschine verschwommener und wir sind gefragt, darüber nachzudenken, was für uns der inhärente Wert eines Kunstwerks in Zeiten seiner digitalen Reproduzierbarkeit ist. Was bedeutet die Veränderung für unser Kunstverständnis? Und lässt sich etwas wirklich Neues erschaffen, wenn Programme doch immer nur auf Bestehendes zurückgreifen können?

von Maria Zamel

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