Die Wand

Digitale Welten eröffnen Räume und Netzwerke, die sich nicht unmittelbar erschließen. Ein Zugang muss geschaffen werden. Die Technologie erlaubt Raum zu überwinden und mit Menschen weltweit zu interagieren. Das Smartphone ermöglicht mit anderen Personen in Kontakt zu treten. Dennoch sind wir immer wieder darauf angewiesen, uns persönlich zu begegnen. Das Smartphone vermittelt uns ein Bild von einem Gegenüber, ohne dessen Abbild sein zu können. Treten wir also mit anderen Menschen über das Smartphone in Kontakt?

Kontakt (lat. contactus = berühren)

In Kontakt treten erhält in einer digitalisierten Welt eine neue Bedeutung. Der Kontakt ist nicht zwangsläufig persönlich im Sinne der körperlichen Kopräsenz. Die Unmittelbarkeit des Kontakts wird über die Möglichkeit des Smartphones mittelbar, Kontakt über große Entfernungen möglich. Berührung bleibt dennoch unwahrscheinlich. Kontakt wird zur technisch vermittelten Interaktion. Übermittelt wird nicht das ganze Bild des Gegenübers, sondern lediglich ein technisch übermittelbarer Ausschnitt. Der Mensch bleibt auch in einer digitalisierten Welt ein körperliches Wesen und begreift Dinge und Mitmenschen in deren materieller und körperlicher Beschaffenheit. Eine Wand als Teil einer digitalisierten Welt zu begreifen, ist zunächst eine unverständliche Idee. Wände werden von Architekten in deren Programmen zu digitalen Gegenständen und sind als solche nicht als Wand begreifbar. Die Wand muss erst entstehen oder visualisiert werden, um wieder als solche erkannt zu werden. Der Code, der die Wand darstellen soll, erscheint als Gemälde auf der Wand und nicht als die Darstellung derselben. Die Maschine versteht die Wand auf eine andere, für uns unverständliche Weise. Karin Sander dreht die übliche Richtung der Operation des Digitalen um. Das Digitale kommuniziert über ein Interface mit seiner Umwelt. Wir benötigen ein Interface, um digitale Welten verstehen zu können, um einen Zugang zu erlangen. Karin Sander stellt in diesem Sinne nicht das Digitale aus, sondern schlichtweg eine Wand in deren geometrischer Beschaffenheit. Der Code auf der Wand bleibt ohne Erklärung unverständlich und wird zum Gemälde auf der Wand. Einer Wand, die berührt werden kann, die den Betrachtenden in ihrer eigenen Präsenz gegenübersteht. Auch in einer digitalen Welt wird der Mensch auf seine Körperlichkeit als Ort des Verstehens verwiesen. Das Museum ist einer dieser Orte, an denen die Besuchenden Exponate begreifen können. Exponate, ausgestellt an einer Wand.

von Jonas Ehret

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