Digital Code as Poetry – Lyrik als Museum in der digitalen Zeit

Vor der Geburt der Schrift war Lyrik unser erstes Speichermedium. In der oralen Tradition wandte man Lyrik zum Zweck der Erinnerung und Gedächtnisvermittlung an.

Nach Kant veranschaulicht der Dichter die Kommunikation des Gefühls unter dem »übersinnlichen« Zwang der Vernunft. Die poetische Sprache bedeutet etwas, das unabhängig von räumlichen und zeitlichen Grenzen wahrgenommen werden kann. Der Dichter kann die Welt in einer Weise ansehen, die über die kognitive Erfahrung hinausgeht. Er gewährt dem Gefühl Sichtbarkeit durch die Kodierung von Wörtern. Mit Vers, Rhythmus und Wortspiel ist das Bewusstsein des Dichters in Übereinstimmung mit der Sichtbarkeit von Wörtern.

In der digitalen Zeit überbrückt die Lyrik die Grenze zwischen dem Konkreten und dem Abstrakten, dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, der Materialität und der Ästhetik. Ein digitales Gedicht hebt die Ästhetik des Codes hervor, erfordert eine tiefgründige Lesart in Bezug auf Codesprache auf dem Bildschirm, ohne den ästhetischen Genuss beim Lesen zu zerstören.

Der Genuss der digitalen Lyrik ist wie ein Besuch des Museums, denn beides ist »eine Ästhetik des Tuns und Sehens« (Nietzsche). Wenn man ins Museum geht, betrachtet man nicht nur die Ausstellungsstücke, sondern bewegt sich in verschiedenen Ausstellungsräumen, gewinnt einen ersten Eindruck, liest Beschreibungstexte und positioniert sich im Moment des Bewusstseinsstroms. Der Genuss der digitalen Lyrik erfordert ebenfalls eine Betrachtung auf verschiedene Weisen und ruft sowohl eine kognitive als auch emotionale Reaktion hervor.

Auch der Besuch eines Museums ist eine poetische Lesart, denn er hinterlässt Spuren im Gedächtnis. Zum Genuss der Kunstwerke muss man sich auf eine emotionale Ebene begeben, zum Verstehen und zur Interpretation auf eine intellektuelle Ebene.

»While a figurative painting may contain a narrative (in his essay, Heidegger discusses one of Van Gogh’s portrayals of a pair of shoes), and while a viewer of that painting may be focusing on this narrative, nonetheless the viewer will gain a sense of what helps to make the narrative exist on the painting’s canvas in the first place — composition overall, brushstrokes, pigment, thickness, etc. — moving closer to the elemental nature of the art object. The contrast with a piece of equipment includes this awareness of the artwork’s materiality.« (Michael Kimmelman)

»In our present moment, as I write, we are caught up within an analogous moment of transformation, as the nature of space and time is affected by digital technologies; these technologies spur a rethinking of the real and the virtual.« (Kimmelman)

»The reader of the digital poem might elect to make specific forays of a textually-analytical nature, which would lead to speculations about the underlying digital programming that gives rise to a ›surface‹ text« (Kimmelman)

von Quang-Hieu Phan

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