Die Sprache des Computers

Der Mensch, so scheint es häufig, verlangt nach Polaritäten. Polaritäten als klar abgrenzbare Gegensätzlichkeiten, die nicht aeins sind: Mann und Frau, politisch links und rechts. Der Binärcode mit seinem Text 1 und 0 entspricht diesem Schema. Ein Dazwischen ist nicht vorgesehen. Diese Situation führt zu Ergebnissen, die ausschließen und dadurch für nicht vorhandene Klarheiten sorgen. Sind 1 und 0, Mann und Frau, links und rechts sich widersprechende Entitäten?

»Ja, ich habe nur eine Sprache, und die ist nicht die meinige.« (Derrida)

Jacques Derrida zeigt in seiner Schrift „Die Einsprachigkeit des Anderen“, dass zunächst sich logisch widersprechende Sätze kein Widerspruch sein müssen. Widersprüche sind demnach andauernd vorhanden, ohne sich zu widersprechen. Derrida war gebürtiger Algerier und frankophon. Dennoch konnte er zeit seines Lebens die französische Sprache nicht als die ihm gehörende erleben. Er konnte sich nicht als gebürtiger Franzose definieren. Diese von Derrida beschriebene Ambivalenz lässt sich auf die Sprache der Digitalität erweitern. Die Sprache der Computer beherrschen nur wenige Menschen, und dennoch bewegen wir uns andauernd in digitalen Welten als kompetente Teilnehmer derselben. Die Sprache des Computers zu beherrschen, ist daher nicht zwangsläufig notwendig, um einen Zugang zu entwickeln. Eine Interaktion zwischen Computer und Mensch ist auch dann möglich, wenn zwei verschiedene Sprachen gesprochen werden. Eine Programmiersprache als Muttersprache ermöglicht einen anderen Zugang, und dennoch erlauben es smarte Benutzeroberflächen, Teil einer digitalisierten Welt zu sein, ohne die Sprache der Digitalisierung zu sprechen.

»Man spricht immer nur eine Sprache.«
»Man spricht niemals nur eine Sprache.« (Derrida)

Jede Sprache ist in eine andere übersetzbar und ermöglicht in ihrer Übersetzung einen Zugang. Der Binärcode aus 1 und 0 ist nicht zu entschlüsseln. Programmiersprachen sind nur von Experten les- und schreibbar. Benutzeroberflächen operieren dagegen wieder in Sprachen, die einer weit größeren Gruppe zugänglich sind – sie machen das Unverständliche verständlich. Dennoch bleibt ein Gegenüber bestehen, eine Maschine, welche in einer Sprache operiert, die nicht unmittelbar verständlich ist. Der Computer spricht eine andere Sprache, und diese Sprache ist nicht die meinige. Ich kann einen Computer bedienen und mit diesem interagieren. Zwei Widersprüche, die sich in ihrer Widersprüchlichkeit gegenseitig ausspielen. Zwischen den Codes gibt es ein Dazwischen. Ein Dazwischen, das die Polaritäten in Frage stellt und damit Übergänge ermöglicht.

von Jonas Ehret

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