Lesen – Materialität – Denken

Lesen
Die Materialität der großen, dicken Bücher wirkt befremdlich. Ich trete an das Glas heran, sehe den roten Ledereinband mit goldenem Prägedruck – »Le socle du monde« – ist darauf zu lesen. Hierauf steht also die Welt? Um darin zu lesen, ist dieses Buch nicht gemacht. Es beinhaltet einen Code – den Genom-Code eines Huhns – der unverständlich bleibt. Doch genau das macht Vanmechelen mit seinem Video, indem er den Code von verschiedenen Menschen vorlesen lässt. Ist die Codierung der Gene die Sprache, aus der die Welt gemacht ist? Kann uns die Welt in einem Buch entgegentreten?

Die Materialität
des Buches wird im digitalen Zeitalter in Frage gestellt. Bibliotheken – wie auch die Universitätsbibliothek der Leuphana – stellen sich unter anderem aus Platzgründen auf die Anschaffung von E-Books ein. Neben dem Genom-Buch verweist auch die Säule »Column 1-0« mit einer rückwärtsgewandten Assoziation der antiken Kultur auf die Werte der humanistischen Bildung – zumal diese Ausstellung hier in einem Universitätsgebäude stattfindet. Nicht nur Bücher, auch Seminar- und Vorlesungsinhalte, Verwaltung und Kommunikation werden ins Netzwerk eingespeist und damit digital und von überall zugänglich gemacht. Und dennoch sind wir immer auf die Materialität der Dinge angewiesen – ich sitze hier mit meinem Körper an einem Computer in der Unibibliothek, um diesen Text zu schreiben, dazu bewege ich meine Finger – und was passiert eigentlich in meinem Kopf?

Denken
Es ist unbequem, »das verdrießliche Geschäft« des Denkens selbst zu übernehmen, so schreibt Kant, und »ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann«. Wie verändert sich unser Denken durch die Digitalität? Wann suchen wir den Fragen mit einem mechanisierten Verhalten zu begegnen – mit einem Griff zum Smartphone? Zu späten Nachtstunden, wenn ich ein Problem hin und her wälzte, habe ich vor Verzweiflung – und um mich weiter abzulenken – manches Mal versucht, eine solche Frage in meine Suchmaschine einzugeben: »Was soll ich tun?« – Dort finde ich weitere Ablenkungsmöglichkeiten und gelange mit jedem Klick ein Stückchen weiter weg… Auf mich selbst zurückgeworfen, unausweichlicher noch als zuvor, zwingt mich die Frage, jetzt endlich selbst Position zu beziehen.

von Liane Schlumberger

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